• 02.02.2026 – Apotheken unter Verteilungsdruck, dm als Erstkontakt, Staatsauftrag ohne Puffer.

    APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute | Seit dm OTC-Arzneimittel versendet, geraten Vor-Ort-Apotheken und dm in eine neue Statik, weil Erstkontakt und Konditionen di ...

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APOTHEKE | Systemblick - Kommentar von heute

Apotheken unter Verteilungsdruck, dm als Erstkontakt, Staatsauftrag ohne Puffer.

 

Ausgabe Nr. 176 | Erstkontakt als Infrastruktur, Margendruck im Alltag, Versorgungslast vor Ort.

Stand: Montag, 2. Februar 2026, um 15:52 Uhr

Apotheken-News: Kommentar von heute

Kommentar von Seyfettin Günder zu dm als Erstkontaktmaschine und der Frage, wer am Ende die Versorgungslast trägt.

Der Fehler im „gefährlich“-Frame ist nicht der Ton, sondern der Fokus. Wer dm moralisch bewertet, verpasst die Mechanik, die dm stark macht: Erstkontakt, Routine, Standard. Eine Drogeriemarke muss keine Arzneimittel dramatisch billiger verkaufen, um den Markt zu drehen; es reicht, den Moment zu besetzen, in dem Menschen sich zum ersten Mal für „Gesundheit“ entscheiden, noch bevor sie überhaupt eine konkrete Frage formulieren. Wer diesen Einstiegspunkt kontrolliert, kontrolliert später auch die Konditionen, und damit am Ende nicht nur den Warenkorb, sondern die Statik der Versorgung.

Die These ist klar und unromantisch: dm ist kein Sonderfall, sondern ein Beschleuniger. Der Hebel liegt in Sichtbarkeit, App-Routine und Erwartungsverschiebung. Der Kunde lernt: Gesundheit ist bequem, wiederholbar, klickbar, eingebettet in Promotions, Pushs und Warenkörbe, die längst existieren. Sobald dieser Lernprozess greift, entsteht ein neues Normal, in dem Beratung zur Ausnahme wird, nicht weil Menschen Beratung nicht mehr wollen, sondern weil die Auswahlarchitektur sie seltener auslöst. Das ist kein Angriff auf Apotheke als Ort, sondern eine Verschiebung der Wahrscheinlichkeit, dort überhaupt noch anzukommen.

Für Vor-Ort-Apotheken ist das nicht deshalb kritisch, weil dm „zu groß“ ist, sondern weil der Abfluss dort beginnt, wo Betriebe ihren Puffer haben. OTC und apothekennahe Sortimente sind in vielen Häusern nicht das Herz der heilberuflichen Identität, aber sie sind der Teil, der die nicht oder schlecht vergüteten Pflichten mitträgt: Notdienst, Akutfall, Rezeptlogistik, Engpassarbeit, Dokumentationslast, Haftungsrealität. Wenn dieser Puffer schmilzt, kippt ein Betrieb nicht sofort. Er verliert etwas Gefährlicheres: Reaktionszeit. Reserve schrumpft leise, Entscheidungen werden härter, Personalplanung wird riskanter, Öffnungszeiten-Spielraum wird enger, und jede Störung trifft schneller auf einen Betrieb, der weniger abfedern kann.

Genau hier liegt die Systemfrage, die selten offen ausgesprochen wird. Der Staat beauftragt flächendeckende Versorgung implizit, erwartet Verfügbarkeit, Dringlichkeit, Nachverfolgung, Verantwortung. Gleichzeitig wird die Erlösbasis, aus der diese Verfügbarkeit bisher querfinanziert wurde, zunehmend marktlogisch umverteilt. Der Auftrag bleibt lokal, die Marge wandert. Das ist keine moralische Empörung, das ist eine Governance-Kollision. Wer trägt Last, wer zieht Ertrag, und wie lange hält ein System, das diese beiden Seiten auseinanderlaufen lässt, ohne die Lücke explizit zu schließen.

Es wäre zu kurz gegriffen, daraus eine nostalgische Verteidigung der „guten alten Offizin“ zu machen. dm trifft einen Nerv, weil dm das kann, was Versorgung traditionell schlecht kann: Routine herstellen. Millionen installierte Apps sind nicht nur Reichweite, sie sind ein Verhaltenskanal. Der Unterschied zwischen einem Werbeplakat und einer App ist nicht die Zahl, sondern der Takt: Erinnerung, Wiederholung, Wiederkauf, kleine Anstöße im Alltag. Wer so arbeitet, setzt Standards dafür, wie schnell Lieferung erwartet wird, wie selbstverständlich Rabatte wirken, wie normal es ist, Gesundheit als Sortiment zu denken. In dieser Logik wird Dringlichkeit zu einem Häkchen im Checkout, nicht zu einem realen Faktor mit Haftung und Konsequenzen.

An dieser Stelle lohnt ein nüchterner Gegenimpuls, ohne Durchhalteparolen und ohne Ratgeberton. Vor-Ort-Leistung ist keine Produktkategorie. Akutversorgung ist kein „Feature“, sondern eine teure Bereitschaft, die in Sekunden scharf werden muss. Interaktionsprüfung, Rückfragen, Substitutionen, Lieferfähigkeit am selben Tag, das Aushandeln von Engpässen, die konkrete Verantwortung am Patienten, all das ist nicht skalierbar wie ein Warenkorb. Es entsteht dort, wo Menschen nicht stöbern, sondern brauchen. Wer diesen Unterschied verwischt, bekommt kurzfristig bequemere Routinen, aber langfristig eine Versorgung, die an den falschen Stellen effizient wird.

Damit ist auch der Kern der Verteilungsfrage benannt. Wenn Umsatzströme aus dem Umfeld der Apotheke abfließen, wird nicht nur Wettbewerb „härter“. Es verändert sich, welche Teile des Systems überhaupt noch quergetragen werden können. Eine Apotheke, die weniger Puffer hat, kann weniger Fehler verzeihen, weniger Spitzen abfangen, weniger Personal ausbilden, weniger zusätzliche Wege gehen. Die Fläche verliert nicht von heute auf morgen den Betrieb, sie verliert zuerst den Spielraum. Und Spielraum ist in der Versorgung keine Luxusgröße, sondern die Bedingung dafür, dass Ausnahmen beherrschbar bleiben.

Der zweite Blick, der oft fehlt, betrifft die Erwartung selbst. Neue Kundschaft ist nicht das Problem, neue Gewöhnung ist es. Wer Gesundheit als App-Routine erlebt, kommt mit einem anderen Maßstab: Promo-Rhythmus statt Dringlichkeitslogik, Rückgabementalität statt Haftungsrealität, Standardauswahl statt individueller Prüfung. Das ist verständlich, weil es aus anderen Warengruppen gelernt ist. Nur passt dieses Gelernte schlecht zu Situationen, in denen eine falsche Entscheidung nicht nur Geld kostet, sondern Folgen hat. In der Apotheke wird dieses Missverhältnis dann nicht als Systemverschiebung erlebt, sondern als tägliche Reibung: mehr Diskussion, mehr Erwartungsdruck, weniger Verständnis dafür, warum „eben schnell“ nicht immer geht.

Wer dm in dieser Perspektive betrachtet, sieht keine Schwarz-Weiß-Geschichte, sondern eine Statikfrage. dm beschleunigt eine Entwicklung, in der Erstkontakt zur Macht wird. Wenn Erstkontakt zur Macht wird, wird Kondition zur Macht. Wenn Kondition zur Macht wird, wird Puffer zur Mangelware. Und wenn Puffer zur Mangelware wird, wird der Staatsauftrag zur offenen Rechnung. Nicht an dm, sondern an die Struktur: Wer soll in Zukunft die Last der Fläche tragen, wenn die Erlöslogik systematisch dort landet, wo Last nicht anfällt?

An dieser Stelle fügt sich das Bild.

Der Markt verschiebt den Erstkontakt, lange bevor ein akuter Bedarf entsteht. Das ist keine Kosmetik, sondern Infrastruktur: Wer die Routine steuert, steuert auch das Später. In der Apotheke vor Ort wirkt dieser Effekt zeitverzögert, aber konsequent: Der Puffer aus OTC und apothekennahen Käufen ist oft das Geld, aus dem Personalreserve, Lieferfähigkeit und ungeplante Beratung überhaupt möglich werden. Wenn dieser Puffer schmilzt, kippt nicht sofort ein Betrieb, aber die Reaktionszeit auf Stress wird kürzer. So entsteht Systemlast nicht als Schlagzeile, sondern als tägliche Reibung: später erkannt, härter abgefangen, teurer getragen.

Dies ist kein Schluss, der gelesen werden will – sondern eine Wirkung, die bleibt. Wer „Gesundheit“ wie Drogerie einkauft, lernt eine falsche Erwartung: bequem, wiederholbar, ohne Friktion. Die Apotheke lebt jedoch von genau der Friktion, die niemand bestellt: Akutfälle, Interaktionen, Haftung, Dokumentation, Lieferengpässe, Notdienst. Wenn der Markt die Marge verlagert, bleibt die Pflicht vor Ort stehen, und plötzlich ist nicht mehr die Konkurrenzfrage offen, sondern die Staatsfrage. Am Ende entscheidet sich nicht, wer sympathischer ist, sondern wer bezahlt, wenn Versorgung nicht skaliert. Und genau dort beginnt die eigentliche Unruhe.

 

SG
Prokurist | Publizist | Verantwortungsträger im Versorgungsdiskurs
Kontakt: sg@mysecur.de
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Wer das für Formalie hält, unterschätzt die Verantwortung, die Sprache heute tragen muss.
Ein Kommentar ist keine Meinung. Er ist Verpflichtung zur Deutung – dort, wo Systeme entgleiten und Strukturen entkoppeln.
Ich schreibe nicht, um zu erklären, was gesagt wurde. Ich schreibe, weil gesagt werden muss, was sonst nur wirkt, wenn es zu spät ist.
Denn wenn das Recht nur noch erlaubt, aber nicht mehr schützt, darf der Text nicht schweigen.

 

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